In unserem Weinregal im Wohnzimmer liegt eine Flasche Schaumwein. Auf ihr klebt ein weißes Etikett. In seiner Mitte ein kyrillischer Schriftzug, umrankt von stilisierten rot-schwarzen Blumenmustern. APTEMIBCbKE ist hier zu lesen, darunter das Jahr 2020. Das rückseitige Etikett verrät: Dieser Schaumwein stammt aus Bachmut. Die Trauben kommen von der Halbinsel Krim.
Ich habe diese Flasche von einem Priester bekommen, der eine ukrainisch-orthodoxe Gemeinde in Kiel leitet. „Ich wollte dir diese Flasche schenken“, sagte er mir, als er sie mir gab. „Es ist die letzte, die ich habe. Und es ist die letzte, die wir wohl für lange Zeit bekommen werden. Denn dort ist alles zerstört.“ Diese Geste hat mich tief berührt.
Am 24. Februar jährte sich der russische Überfall auf die Ukraine zum vierten Mal. Zugleich ist es vier Jahre her, dass der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz seine viel beachtete Zeitenwende-Rede am 27. Februar im Deutschen Bundestag hielt. Er sagte damals: „Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinents.“ Und weiter: „Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.“
Als Konsequenz kündigte Scholz ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro an. Ziel war es, mit diesem Geld die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands wiederherzustellen. Angesichts der Entwicklung der Verteidigungsausgaben – von hohen Anteilen in den 60er und 70er Jahren (zwischen 3,5-4%, 1963 sogar 4,88%, gemessen am BIP) über die Begrenzung ab Mitte der 80er bis hin zum deutlichen Rückgang nach dem Ende des Kalten Krieges und der Aussetzung der Wehrpflicht – war diese Entscheidung tatsächlich eine politische Kehrtwende.
Doch nicht nur die Politik stand vor neuen Fragen. Auch die Kirchen, insbesondere die evangelischen, mussten sich neu positionieren: Können wir an einer pazifistischen Grundhaltung festhalten? Oder zwingt uns die veränderte Wirklichkeit zu einer Neubewertung unserer Haltung zu Krieg und Frieden? Während die einen Diplomatie und humanitäre Hilfe betonen, um eine weitere Eskalation zu vermeiden, sehen andere die aktive Verteidigung gegen einen Aggressor als gerechtfertigt an. Beide Seiten verbindet dabei das gleiche Motiv: Menschenleben zu schützen.
Eine der Kernfragen dabei ist die der Waffenlieferungen. Ihre Befürworter verweisen dabei auf Bonhoeffer: „Wir sind nicht nur dazu da, die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“ Und: „Der Christ wird in die Schuld hineingestellt.“ Bonhoeffer sagt damit: Jede Entscheidung kann Schuld erzeugen – sowohl Handeln als auch Nichthandeln. Damit benennt er ein Dilemma, welches ich als eine bleibende Tragik empfinde.
Wie auch immer wir zu Waffenlieferungen stehen – für uns sind die damit verbundenen Fragen weniger existentiell als für die Menschen in der Ukraine, für diejenigen, die an der Front kämpfen oder Angehörige verloren haben.
Dabei lassen sich diese Fragen auf verschiedenen Ebenen stellen. Da sind zum einen Fragen, die von dem moralischen Dilemma zwischen Glaube und militärischen Dienst leben: Was bedeutet das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“ im Krieg? Was heißt es, einem Menschen das Leben zu nehmen – angesichts eines Glaubens an den einen Gott, der Leben schafft und bewahrt? Und da sind andere Fragen, die eher theologischer Natur sind: Was bedeutet es, sich für Waffenlieferungen auszusprechen, angesichts von Jesu Worten in der Bergpredigt, Frieden zu stiften, die andere Wange hinzuhalten und die Feinde zu lieben? Können wir ihnen nur folgen, wenn wir zugleich eine realpolitische Lösung für Frieden präsentieren können?
Vor einem Monat haben wir Ostern gefeiert. Und hier, mitten in diese Debatten über Gewalt und Gegengewalt fällt die Geschichte von Jesus. Eine Geschichte, die der Logik der Vergeltung widerspricht. Nicht länger „Wie du mir, so ich dir“. Jesus schlägt nicht zurück, als man ihn verhaftet und foltert. Es folgt kein göttlicher Gegenschlag, keine militärische Intervention von oben. Die alte Logik von Auge um Auge hat ausgedient. Stattdessen schweigt Gott – das ist schwer auszuhalten, selbst für Jesus.
Und doch geschieht hier etwas Größeres: Denn Jesus durchbricht die Spirale der Vergeltung. Er gibt sein Leben hin. Das Kreuz stellt sich quer zu allen Formen von Gewalt. Und es ist die Auferstehung, die diesen Weg bestätigt. Und so ist die Botschaft von Ostern: Tod und Gewalt haben nicht das letzte Wort. Am Ende siegt das Leben.
Ostern ist deshalb nicht nur tröstlich für die Leidenden, sondern es ist auch eine Zumutung für die Starken. Denn Ostern konfrontiert uns damit, dass nicht Stärke die Welt rettet, sondern Verwundbarkeit und die Fähigkeit zum Mitleiden. Es fordert uns heraus zu glauben, dass Mitgefühl und Treue zur Gerechtigkeit stärker sind als jede Gewalt. Die Starken müssen lernen: Das Evangelium steht auf Seiten der Opfer. Und in diese Bewegung will uns die Osterbotschaft mit hineinnehmen.
Staaten haben immer schon Geld für Waffen ausgegeben. Gewalt wurde immer schon mit Gegengewalt beantwortet. In dieser Logik ist Scholz’ Sondervermögen nichts Neues – sondern eine Entscheidung, wie sie bereits unzählige Male zuvor getroffen wurde. Die eigentliche Zeitenwende fand darum auch nicht am 27. Februar in Berlin statt, sondern 2000 Jahre zuvor in Bethlehem und Jerusalem. Sie fand statt als Jesus diese Gewaltspirale durchbrach und sein Leben hingab. Damit eröffnete er einen Ausweg, der Gewalt und Vergeltung ihren Nährboden entzieht. Vergebung ist nicht nur möglich geworden, sondern die einzige Alternative auf dem Weg zu Frieden und Versöhnung.
Zurück zu meiner Flasche Schaumwein aus Bachmut. Mein Kollege schenkte sie mir, damit ich sie mit meiner Frau in einer stillen Minute genießen solle. Ich habe mich anders entschieden. Wenn es eines Tages einen Waffenstillstand oder Friedensschluss gibt, werden meine Frau und ich die Flasche einpacken und zu unseren ukrainischen Geschwistern fahren. Dann werden wir sie öffnen – und gemeinsam auf den Frieden anstoßen.
Erstveröffentlichung in: DIE GEMEINDE, Ausgabe 10, 10. Mai 2026. Autor: Helge Frey.







